GREEN SCREEN ’19 – Ein politischer vierter Tag

Moin! Der vierte Tag beim 13. Internationalen Filmfest Green Screen in Eckernförde gestaltete sich wieder etwas ruhiger, nur zwei Filme: Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle und Saving Planet Earth: Fixing a Hole. Auf jeden Fall zwei der politischen Beiträge des Festivals. Der erste Film geht sehr kritisch mit einer des Deutschen liebeste Beschäftigung im Sommer ins Gericht, dem Grillen. Der zweite Film beleuchtet den Prozess um das Aufkommen, die Nutzung und das Verbot von FCKW als Ozonkiller. Hier gibt es sogar einmal eine positive politische Entscheidung zu beleuchten. Oder vielleicht doch nicht so richtig? Highlight des Tages war womöglich das informative und spannende Gespräch mit den Filmemachern im Anschluss von Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle.

 

GREEN SCREEN 2019, Tickets Tag 4

Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle

Früh ging es los: 10:00 Uhr, Galerie 66

Mir ist schon seit einiger Zeit der Umstand bekannt, dass die Grillkohle, die in Deutschland und ganz Europa verfeuert wird, nicht unproblematisch ist. Unser Grill ist auch schon seit mehreren Jahren kalt geblieben, aber im Bekanntenkreis wird teilweise noch viele und oft auch mit Kohle gegrillt.

In dem Dokumentarfilm von Johannes Bünger und Vivien Pieper werden die negativen Seiten der Grillkohleproduktion und die kriminellen Machenschaften von der Kohleproduktion über den Transport bis hin zum Weiterverkauf an deutsche Läden aufgezeigt. Hierzulande werden jährlich bis zu 250.000 Tonnen Holzkohle verfeuert. Viele der angebotenen Produkte im Handel sind zertifiziert (FSC (Forest Stewardship Council) oder PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes)), das schafft Vertrauen bei den Kunden. Aber die Zertifikate sind schwach und aus meiner persönlichen Sicht nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Aber dazu später mehr.

Unkontrolliertes Abholzen

Es geht darum, dass in den Herkunftsländern Wälder unkontrolliert gerodet werden. In Afrika passiert das vor allem in Nigeria. Hier besteht überhaupt keine Kontrolle über die Baumfällungen. Die Menschen sind sehr arm und schlagen in ihrer Not oft einfach Bäume und verkohlen diese – völlig ineffizient – zu Holzkohle. Für ein paar Dollar verkaufen sie die Säcke an größere Händler, die die Kohle nach Europa verschiffen, meist nach Polen, dem Drehkreuz für Grillkohle. In Polen werden die Kohlen gemischt, verpackt und versendet – nach ganz Europa. Aber nicht nur in Nigeria werden schützenswerte Wälder einfach abgeholzt. Auch in der Ukraine finden die Filmemacher, zusammen mit Fachleuten des WWF, mafiöse Strukturen und Korruption bis in hohe politische Ebenen.

Bei Aufnahmen in einem geschützten Waldgebiet werden sie von Einheimischen angegangen und massiv bedroht. Man erfährt, dass diese zuvor wohl durch den Parkleiter dazu aufgefordert wurden. Den verarbeitenden Firmen sind solche Zustände natürlich nicht bekannt. Sie reagieren teils auch gar nicht erst auf Anfragen des Filmteams.

Schwache Siegel?

Kehren wir zurück nach Deutschland. Hier äußert sich z. B. der Sprecher des FSC in Bonn. Der Zuhörer erhält sehr weichgespülte Aussagen auf die Frage, ob man den polnischen Produzenten nicht das Siegel entziehen sollte, wenn nicht gesichert ist, dass kein illegales Holz in der Holzkohle steckt.

Der ukrainische FSC Vertreter ist hier etwas deutlicher und erläutert ganz klar das Dilemma der Glaubwürdigkeit solcher Siegel. Die Hersteller von Holzprodukten wie der Holzkohle beauftragen selbst das für den FSC prüfende Unternehmen (in Deutschland z. B. der TÜV Nord oder TÜV Süd). Wenn aufwendig geprüft werden würde, um sicherzustellen, dass tatsächlich nur legal geschlagenes Holz verarbeitet wurde, koste das eben mehr Geld und das könne ja die „Kunden“ (also Unternehmen, die sich zertifizieren lassen wollen) abschrecken. Insgesamt ist diese Praxis des FSC, andere Unternehmen die Prüfungen für das Zertifikat vornehmen zu lassen, kritisch zu hinterfragen. Es kann nicht sein, dass ein Siegel, das der Umwelt zum Vorteil sein soll, als Einkommensquelle herhalten muss. Vom möglichen Betrugspotential mal ganz abgesehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Glaubwürdigkeit in Ländern, in denen Korruption an der Tagesordnung steht, weiter sinkt.

In der EU kommt ein weiteres Problem hinzu. Die Verordnung über den Import von Holzprodukten hat eine klaffende Lücke im Bereich der Holzkohle. Diese kommt in den Einfuhrbestimmungen überhaupt nicht vor. So dürfen aus Nigeria keine Stammhölzer in die EU eingeführt werden, aber Holzkohle ist kein Problem. Auch das Umweltministerium in der Ukraine hat 2017 ein Ausfuhrverbot für Stammholz erlassen. Mit dem Ergebnis, dass sich seitdem die Ausfuhr von Holzkohle verdoppelt hat.

Kaum ein Produkt „sicher“

Zuletzt möchte ich noch einen weiteren Aspekt des Films aufgreifen: Die zertifizierte Holzkohle stammt nicht immer aus legalen Beständen. Ein Test mit über 30 Kohleprodukten aus Baumärkten, Discountern, Tankstellen usw. hat gezeigt, dass in den meisten Proben Tropenhölzer enthalten sind. Lediglich zwei Produkte waren unbedenklich.

Das Problem ist, dass nicht sicher nachgewiesen werden kann, dass nur legale Hölzer verwendet werden. Gleichzeitig ist es ebenso nicht möglich, sicher auszuschließen, dass keine illegalen Hölzer verwendet wurden.

Gerade hier muss sich dringend etwas tun. Wie sich aber im Gespräch mit den Filmemachern nach dem Beitrag zeigte, sind in der Verwaltung der EU Kommission gerade einmal zwei Halbtagsstellen mit den Belangen der Holzwirtschaft befasst. Für die vielschichtigen Aufgaben rund um alle Holzprodukte und Probleme sind das absolut zu wenig! Auch müssen unabhängigere Zertifikate, wie beispielweise Earthworm (früher bekannt als The Forest Trust) wesentlich stärker in die Produktionen und Handelswege eingebunden und von den Verkäufern in Deutschland unterstützt werden, um Produkte mit legalen Holzanteilen sicher benennen zu können. Aber auch der Kunde muss auf jeden Fall besser darauf achten, woher die gekaufte Holzkohle stammt und die Angaben und vor allem fehlende Angaben zur Herkunft auf Verpackungen kritisch hinterfragen. Von Earthworm gibt es hierfür für Deutschland eine App, da das Zertifikat selbst wohl noch nicht in Deutschland verfügbar ist.

Informationen von Earthworm zum Thema Holzkohle: https://www.earthworm.org/our-work/products/charcoal

Leider ist die Dokumentation zurzeit nicht im Internet verfügbar. Falls ihr dennoch mal die Chance habt sie euch mal anzuschauen (z. B. im guten alten Free-TV), nutzt die Gelegenheit!

Saving Planet Earth: Fixing a Hole

Problemlösekompetenzen ab 16:00 Uhr in der Stadthalle.

Am Nachmittag haben wir uns einem Thema gewidmet, dass zur Zeit der Problementwicklung bereits drohte sehr tragische Ausmaße anzunehmen. Nach einigen Jahren der Forschung wurde es von den Mächtigen in der Welt, also den führenden Politikern, aufgegriffen und einigermaßen erfolgreich bekämpft. Die Rede ist vom Ozonloch und den schädlichen FCKW.

FluorChlorKohlenWasserstoffe (FCKW)

Seit den 1930er Jahren werden FCKW massenhaft synthetisch hergestellt und dank ihrer vielseitigen chemischen Eigenschaften in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt, als Kühlmittel in Klimaanlagen und Kühlschränken, als Treibgas in Sprühdosen oder auch als Treibmittel bei Schaumstoffen. Sie sind nicht brennbar, ungiftig oder nur gering toxisch – ein Wundermittel im Vergleich zu den vorher eingesetzten Chemikalien. Im Laufe der 70er Jahre haben unter anderem die Wissenschaftler Frank Sherwood Rowland, Mario J. Molina und Paul J. Crutzen herausgefunden, dass das damalige Wundermittel in einem Mechanismus in reaktive Radikale umgewandelt wird, die das Ozon in der Stratosphäre zerstören können. Seit 1974 wurden dazu Warnungen herausgegeben, diese bleiben aber lange ungehört.

Die Entdeckung

Tatsächlich gab es schon 1957 erste Anzeichen dafür, dass die Ozonschicht über der Antarktis in 40 km Höhe erste Auflösungserscheinungen zeigt. Leider blieben diese Daten und Informationen ansonsten unbearbeitet. In den 1980er Jahren sind die zyklischen Rückgänge der Ozonkonzentration erneut in den Fokus geraten und intensiver verfolgt worden. 1985 wurde die Problematik großflächig publik. Die Reduktion der Ozonkonzentration war innerhalb weniger Jahre von 5 auf bis zu 50 % gestiegen.

Die Lösung

Das Thema drang bis in die höchsten Regierungskreise vor, wo sich zwei eher konservative Politiker, Margaret Thatcher und Ronald Reagan, der Problematik annahmen und sie schließlich mit äußerster Dringlichkeit  in der UN einbrachten. Die Folge war eine Konferenz in Montreal, Kanada, quasi die erste Umweltkonferenz. Das Ergebnis dieser Konferenz war das Montrealer Protokoll. In diesem multilateralen Abkommen verpflichten sich die Staaten, die Produktion von Stoffen, die die Ozonschicht schädigen, wie FCKW, einzuschränken bzw. zu stoppen. Das beachtliche an dem Montrealer Protokoll ist, dass es eines der ersten Vertragswerke der Vereinten Nationen ist, das von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert worden ist. Außerdem ist bemerkenswert, dass es eben die beiden konservativen Politiker Thatcher und Reagen waren, die das Problem in die UNO getragen und eine Lösung forciert haben.

Möglicherweise fiel es den damaligen Politiker so „leicht“ etwas zu unternehmen und ein Maßnahmenpaket zu schüren, da der Auslöser für das Problem klar identifiziert werden konnte. Diese Situation ist mit unseren heutigen Problemen, dem anthropogenen Klimawandeln, nicht vergleichbar. Hier gibt es keinen klaren Schuldigen, keinen Stoff, den man verbieten kann. Es handelt sich um ein vielschichtiges Problem mit umfangreichen Baustellen und diversen Wechselwirkungen. Aktuell wird sehr deutlich, wie schwer sich aktuelle Politiker damit tun, Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel umzusetzen.

Schaut’s euch an

Alles in allem ein sehenswerter Film. Das war auf jeden Fall mal etwas anderes, auch die Machart war ungewohnt, mit visuellen „Effekten“, um bestimmte Kernaussagen oder Fakten zu verdeutlichen. Wenn man die Möglichkeit hat, diesen Film einmal zu sehen, sollte man das auch tun.

Der Film ist bei Channel 4 verfügbar, erfordert aber eine Registrierung: https://www.channel4.com/programmes/saving-planet-earth-fixing-a-hole

 

 

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